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Unterwegs in Polen

29.09.2015

Neun Tage unterwegs in unserem Nachbarland Polen, polnische Pfadfinder, Lieder, Spiele und Kochkünste kennenlernen, die wunderschöne masurische Seenlandschaft und das Flüsschen Krutynia im Boot erkunden, abends auf einer kleinen Lichtung zelten, am Feuer kochen, singen, erzählen und gegen Mücken (Scheißbiester) kämpfen, das hört sich an wie ein spannender Abenteuerurlaub! War es auch! Aber wir haben dabei auch viel gelernt, nachgedacht, auch über unser Land, unsere Geschichte, unseren Umgang miteinander und mit anderen Menschen, zum Beispiel Asylanten. Wir lernten auf dieser Tour nämlich den Dichter Ernst Wiechert kennen. Niemand von uns hatte vorher schon etwas von ihm gehört. Doch wir stellten fest, dass dieser Dichter nicht vergessen werden sollte! Vor dem Krieg war er ein Bestsellerautor seine Bücher, die von der Liebe zu seiner masurischen Heimat zeugen, aber auch den ersten Weltkrieg und die wohlhabende Gesellschaft damals sehr hinterfragen, wurden in Millionenauflagen verkauft und auch als Schulliteratur verwendet. Während der Nazizeit war er wohl fast der einzige Schriftsteller Deutschlands, der nicht ins Exil ging und sich auch nicht dem Regime beugte, sondern offen seine Stimme gegen die Menschenverachtung und Brutalität der Nazis erhob, wohl wissend, dass er damit sein Leben riskierte. Dafür verbrachte er drei Monate im KZ Buchenwald und stand danach bis zum Ende des Krieges unter Gestapoaufsicht. Heimlich schrieb er das Buch „Der Totenwald“ in dem er seine Zeit im KZ akribisch dokumentiert. Er sah es als seine Aufgabe an, den Menschen, die im KZ „als die wahren Helden zu Ehren des deutschen Namens starben und verdarben“ ein Denkmal zu setzen.

Jeden Abend am Lagerfeuer und manchmal auch vor dem Frühstück hörten wir Geschichten von und über Wiechert und beschäftigten uns vor allem mit seiner „Botschaft an die Lebenden“, einem Aufsatz, den er 1945 an die Jugend Deutschlands schrieb. Stückweise lasen wir diesen Aufsatz, der bewegend ist, weil er aus großer eigener Betroffenheit heraus analysiert, wie ein Volk, das geachtet war durch seine Dichter, Erfinder, „Jahrhunderte des Christentums, der Weisheit, der Kultur, der Menschlichkeit….“

( „Die Humanitas, die Amor Dei, Schonung und Toleranz, sie schienen bei uns nicht weniger zu Hause zu sein, als in anderen Ländern“) , wie dieses Volk sich „der kalten Formel eines schneidenden Hasses und den Phrasen von Blut und Boden, vom Weltfeind Nummer Eins und der wahren Volksgemeinschaft……“beugte. Wiechert schreibt: „Sie sahen ein neues Kreuz, und in seine Balken war nicht die alte Botschaft eingegraben:“ Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!“ Sondern die neue Botschaft:“Juda verrecke!“ Und wer das neue Kreuz über die Menge erhob war nicht mehr der Apostel der Liebe sondern der Übermensch, die Blonde Bestie, ein Wahnsinniger…” Wiechert analysiert nicht nur messerscharf, wie es zu dieser „zwölfjährigen Schande“ kam, er zeigt auch der Jugend eine Möglichkeit auf, wie es nun weitergehen kann. Für solche Sätze wurde er allerdings auch in Deutschland nach dem Krieg angefeindet: „ Lasst uns erkennen, dass wir schuldig sind und dass vielleicht hundert Jahre erst ausreichen werden, die Schuld von unseren Händen zu waschen…..Dass wir zu hungern haben, weil die anderen Hungers starben…. Dass wir nicht Haus und Hof zu haben brauchen, weil wir die anderen in die Öde trieben.“ Aber dabei bleibt er nicht stehen. Er ruft die junge Generation dazu auf, einen neuen Anfang zu machen. Nicht DAS WORT (Polemik/Schlagworte/ Propaganda) soll am Anfang stehen und unser Denken und Handeln bestimmen sondern DIE LIEBE, das Mitgefühl mit allen Menschen ganz besonders mit denen, die gerade Hilfe brauchen. Die Liebe „war das, was übersprungen werden musst, damit der Hass gedeihen konnte, die Vernichtung, der Mord. Sie aus den Herzen der Jugend zu reißen, war die entscheidende Aufgabe dieser zwölf Jahre, das A und O einer ganzen Weltanschauung…. denkt daran, dass keine neue Erde aufblühen wird, ohne dass ihr sie durchtränkt hättet mit eurer Liebe!“ so schlussfolgert er. Und wir stellten fest, wie aktuell seine Gedanken heute wieder sind wie schnell es geht, dass Egoismus und Menschenverachtung an die Stelle der Liebe tritt, oder das man sich von Polemik und Phrasen einwickeln lässt. Ein Höhepunkt unserer Fahrt war die mehrstündige Wanderung zu dem Forsthaus mitten im Wald, in dem Wiechert 1887 geboren wurde und seine Kindheit verbrachte. Heute enthält es eine kleine aber interessante Ausstellung über sein Leben und Werk. Besonders schön war hierbei, dass wir dasasen, uns vom Laufen bei ca. 35°C erholen konnten und über CD Texte von Wiechert auf Deutsch vorgelesen bekamen.

Stamm Heinrich von Berlepsch Monika Vögler